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Erbeben Haiti 2010/2011

Trümmer, Hunger und Tod: Das verheerende Erdbeben vom 12. Januar hat Haiti als eines der ärmsten und labilsten Länder der Welt besonders hart getroffen. Seit zwei Jahren leistet das Rote Kreuz ununterbrochen Hilfe und steht den Opfern bei. Auch ein Schlicher war vor Ort!

Erfahrungsbericht von Christian Ehser, März 2010:

Photo: K.-P. Gawel / DRK Jülich

Die Regenzeit steht bevor

Die vergangenen Wochen waren für uns Techniker im Hospital sehr anstrengend und arbeitsreich. Ich erinnere mich noch gut an unsere Anreise. Es war unerträglich heiß draußen und wir kamen nur im Schneckentempo vorwärts, denn die Staßen waren verstopft und zerstört. Als wir dann im Fußballstadion von Carrefour  ankamen, wo das DRK-Feldhospital steht, wurden uns die Prioritäten unserer Arbeit sehr schnell klar – unser Krankenhaus muss für die Regenzeit präpariert werden!

Mit Hand ans Werk – Technische Versorgung des Krankenhauses in Carrefour

Mit insgesamt 13 lokalen Mitarbeitern haben wir Drainagen gegraben und ein Abwassersystem entwickelt. Dafür wurden bis jetzt ca. 150m3 Erdreich mit bloßen Händen bewegt und mit genauso viel Kies wieder aufgefüllt. Der Kies kommt wiederum aus einem lokalen Kieswerk, in dem hunderte Arbeiter aus einem Flussbett mit der Hand die Steine nach Größe sortieren und mit Eimern auf große LKWs laden – nur ein kleines Beispiel dafür, wie einfach und arm das Leben hier geführt werden muss.

Zu dem Drainagesystem kommen natürlich noch viele anderen Arbeiten, die grob in drei Bereiche gegliedert sind: Zum einen müssen Generatoren das Krankenhaus mit Strom versorgen.. Dann wird Trinkwasser für das Krankenhaus und das Base Camp aufbereitet, wobei auch sanitäre Anlagen (Latrinen und Duschen) für die Patienten und Mitarbeiter benötigt werden. Und schließlich gibt es den Schreinerei- und Hausmeisterservice. Er baut die Regale, Mülleimer, Zäune, Latrinen und überhaupt all das, was es nicht auf dem lokalen Markt gibt.

Alle helfen mit – ohne lokale Mitarbeiter geht nichts

Das alle wäre unmöglich zu schaffen ohne die Hilfe der vielen lokalen Mitarbeiter, die wir schulen, damit sie diese Arbeiten einmal alleine übernehmen können. Für unsere lokalen Mitarbeiter ist das nicht immer einfach. Die meisten von ihnen haben selbst alles durch das Erdbeben verloren. Oft haben sie gerade mal eine  Plane, aus der sie eine Unterkunft gezimmert haben und unter dieser mit einer siebenköpfigen Familie leben. Diese Plane schützt allerdings kaum vor dem Regen. In der Nacht ist es auch nicht immer ruhig auf den Straßen, was natürlich dann in absolutem Schlafmangel und Erschöpfung endet. Da ist von unserer Seite sehr viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen gefragt, z.B. wenn sie mal langsamer sind, als man es erwartet oder sie viele Pausen machen.

Die Hitze ist unerträglich

Auch die permanenten Hitze macht uns allen schaffen. Besonders für alle Rotkreuzler mit hellem Hauttyp bleiben da Sonnenbrände trotz Sonnenschutz nicht aus. Zusätzlich heizen sich unsere Zelte, der einzige Schattenspender, den es gibt, tagsüber stark auf – manchmal bis zu 70 Grad Celsius.

Aber nicht nur der Mensch, sondern auch unsere Maschinen leiden unter der Hitze und den äußeren Umständen. Unsere Kühlschränke müssen mittlerweile von außen mit Ventilatoren zusätzlich gekühlt werden, um störungsfrei laufen zu können und der feine, omnipräsente Staub von den Aufräumarbeiten und den täglichen Müllverbrennungsfeuern auf den Straßen belastet nahezu alle technischen Geräte.

Gemeinsam für den guten Zweck

Ansonsten ist die Stimmung im Team großartig und wir sind alle sehr glücklich, mit Rotkreuzlern aus aller Welt und den Haitianern an einem Strang zu ziehen. Wir dürfen erleben, wie so viele Menschen unser Krankenhaus, eine kleine Oase inmitten des totalen Chaos, mit einem Lächeln verlassen. Einen schöneren Dank kann es nicht geben. Ohne uns hätten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Überlebenschancen. 

 

Haiti - Die Katastrophe in Zahlen

Photo: Christian Ehser / DRK-Schlich

2 US-Dollar pro Tag: Vier von fünf Haitianern steht nur dieser Betrag oder noch weniger zur Verfügung. Haiti war schon vor dem Erdbeben der ärmste Staat auf dem amerikanischen Kontinent.


7,3 erreichte das Erdbeben auf der Richterskala, das am Nachmittag des 12. Januar 2010 Haiti erschütterte und rund 300.000 Menschen tötete und 500.000 verletzte.


10 DRK-Hilfsflüge starteten von Berlin-Schönefeld nach Haiti. Der erste brachte drei Tage nach dem Beben erste Teile des mobilen DRK-Krankenhauses auf die Karibikinsel. Mit den weiteren Flügen kamen eine Wasseraufbereitungsanlage, Zelte, Medikamente und Güter des täglichen Bedarfs, wie etwa Küchenutensilien und Wasserkanister, in das Katastrophengebiet.


24 Prozent der Haitianer, etwa zwei Millionen Menschen, haben ihr Zuhause durch das Beben verloren. Wer nicht bei Verwandten unterkommen konnte, suchte Zuflucht in einem der vielen provisorischen Zeltlager.


93 DRK-Mitarbeiter haben nach dem Beben in Haiti geholfen: als Ärztinnen, Krankenpfleger, Hebammen und Techniker. Dazu kommen viele einheimische Helfer; 300 von ihnen arbeiteten allein im mobilen DRK-Krankenhaus.


400 Kisten mit einem geschätzten Gesamtgewicht von 115 Tonnen mussten ausgepackt werden, um das mobile Krankenhaus des DRK, das „Krankenhaus aus der Kiste“, auf dem Fußballplatz von Carrefour aufzubauen. In rund 30 Zelten enthält es unter anderem hunderte Betten, einen Operationssaal, ein Labor, einen Röntgenraum, eine Apotheke sowie eine Verbrennungsanlage für medizinischen Müll.


1.560 Plastikplanen und 780 Baumaterialsätze musste das DRK Ende September an Bewohner der Zeltstadt Caradeux in Port-au-Prince ausgeben, weil ein Hurrikan ihre provisorischen Quartiere zerstört hatte. Haiti ist seit Jahren Tropenstürmen ausgesetzt, auch 2010 kamen wieder Menschen durch sie ums Leben.


2.000 Kinder kamen bis Oktober 2010 in der DRK-Klinik zur Welt. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum etwa 70.000 Patienten behandelt.


3.000 Übergangsunterkünfte baut das DRK für 3.000 Familien, die durch das Erdbeben in Haiti obdachlos geworden sind. Die Häuser bestehen aus einem Beton-Fundament, Wänden aus resistenter Plastikplane in der ersten Phase – später aus Spanplatten – und Dächern aus Wellblech. Sie bieten jeweils Platz für eine sechsköpfige Familie.


2 Millionen SMS-Nachrichten hat das Rote Kreuz im Herbst 2010 in Haiti versandt, um vor der Cholera zu warnen. Die Kurznachrichten beschrieben die Symptome der Cholera und warben für eine kostenlose Infohotline, die 75.000 Menschen anriefen.


2,5 Millionen Liter Trinkwasser liefert das Rote Kreuz täglich in und um Port-au-Prince aus. Mitarbeiter des Haitianischen Roten Kreuzes kontrollieren bei jeder Lieferung, ob der Chlorgehalt ausreichend und das Wasser somit trinkbar ist.


32,7 Millionen Euro wurden in Deutschland für die Erdbebenhilfe des Roten Kreuzes in Haiti gespendet. Mit etwa 18 Millionen werden die meisten Mittel für den Bau von Unterkünften verwendet, gefolgt von knapp zehn Millionen für die Gesundheitsversorgung. Der Rest verteilt sich im Wesentlichen auf Soforthilfe und Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge. Damit ist die Hilfsaktion aber noch lange nicht abgeschlossen: Das DRK wird sich noch bis mindestens 2013 für die Erdbebenopfer in Haiti engagieren.